Der Bartgeier ist zurück in den Alpen

Fast hundert Jahre war der Bartgeier in den Alpen ausgestorben. Doch dann begannen in den 1970er-Jahren Fachleute aus Frankreich, Italien, Österreich, Deutschland und der Schweiz, Bartgeier in Zoos zu züchten und in den Alpen auszuwildern. Auch der WWF war dabei. Seither haben Fachleute regelmässig Bartgeier in den Alpen ausgewildert. Mehrere von ihnen haben inzwischen Junge bekommen.

Start in der Felsnische

Bartgeier kann man nicht einfach in den Alpen freilassen. Um sie auszuwildern, braucht es eine lange und sorgfältige Vorbereitung. Meist wildert man zwei bis drei Bartgeier aus unterschiedlichen Zoos gemeinsam aus.

Mit ungefähr drei Monaten bringt man die jungen Bartgeier in eine vorbereitete Felsnische in den Alpen. Das ist drei bis vier Wochen, bevor sie fliegen können.

Füttern und beobachten

Fachleute wohnen während etwa zehn Wochen in einem Container. Von dort überwachen sie die jungen Bartgeier in der Felsnische und legen Futter für sie aus.

Gemeinsam für den Bartgeier

Der WWF arbeitet mit der Stiftung Pro Bartgeier zusammen. Die Fachleute der Stiftung kümmern sich um alles rund um den Bartgeier, etwa Auswilderung, Schutz und Beobachtung.

Das ist Franziska Lörcher.

Franziska arbeitet bei der Stiftung Pro Bartgeier. Seit vielen Jahren ist sie dabei, wenn die Bartgeier in einer Felsnische ausgewildert werden. Danach überwacht sie die Vögel, bis sie ausfliegen. Wir haben im April 2026 mit ihr gesprochen.

Franziska, wie bist du zu den Bartgeiern gekommen?

«Als Kind war ich in einem Jugendtierschutzlager im Engadin. Dort wurden damals gerade die ersten Bartgeier ausgewildert. Das haben wir mitbekommen, und mich hat es richtig gepackt. Später habe ich meine Maturaarbeit über Bartgeier geschrieben, und mein Biologiestudium habe ich ebenfalls mit einer Arbeit über Bartgeier abgeschlossen. Damals kam ich zur Stiftung Pro Bartgeier und bin geblieben.»

Was fasziniert dich am Bartgeier?

«Einerseits seine spezielle Lebensweise: dass er Knochen verdauen kann oder im Winter brütet. Anderseits ist er ein wunderschöner, grosser Vogel. Und jeder Bartgeier ist auf seine Weise besonders und wieder anders.

Zudem finde ich das Bartgeier-Projekt spannend. Es beweist, dass man etwas bewegen kann und gleichzeitig, wie lange es braucht, etwas wiedergutzumachen. Der Bartgeier war schnell ausgerottet, und nun arbeiten wir seit rund 50 Jahren daran, ihn zurückzubringen.»

Worauf muss man achten, wenn man eine Auswilderungsnische einrichtet?

«Sie darf nicht voll gegen Süden gerichtet sein, denn dort wird es extrem heiss. Ein wenig Sonne am Morgen ist für Bartgeier ideal. Ausserdem benötigen die Vögel Wasser und Schutz in der Nische. Sie muss gross genug sein, weil wir mehrere Bartgeier gleichzeitig auswildern. Sie vertragen sich nicht immer. Räuberische Tiere wie der Fuchs sollten nicht so leicht hineingelangen. Gleichzeitig muss es für uns möglich sein, den Bartgeiern Futter zu bringen.

Es braucht in der Gegend zudem genügend Huftiere wie Steinböcke oder Gämsen. Anfangs legen wir ja Futter aus. Gleichzeitig müssen die jungen Bartgeier lernen, tote Tiere zu finden, sobald sie die Auswilderungsnische verlassen. Das ausgelegte Futter stammt übrigens meistens von Rehen, die überfahren wurden und starben. Das Fleisch wird eingesammelt und tiefgefroren. Das heisst, wir müssen nicht extra Tiere töten.»

Wie sieht ein Tag aus, wenn du die Bartgeier überwachst?

«Noch bevor am Morgen die Sonne aufgeht, legen wir das Futter aus. Wir achten darauf, dass sie uns von ihrem Schlafplatz aus nicht sehen. Sie sollen keine Bindung zu den Menschen aufbauen.

Den restlichen Tag beobachten wir die Vögel und notieren alles. Wir schreiben zum Beispiel auf, wie oft sie mit den Flügeln schlagen, bevor sie ausfliegen, wie sie miteinander umgehen und wie viel sie fressen. So wissen wir, ob sie sich so entwickeln, wie wir es erwarten. Zusätzlich informieren wir Besucher:innen an Infoständen über Bartgeier.»

Gab es beim Auswildern schon heikle Momente?

«Ja, manchmal streiten sich die Vögel. Da kann sich schon mal einer verletzen. Es kommt auch vor, dass sie sich beim Landen verletzen und danach hinken. Da muss man immer entscheiden, ob man eingreift oder nicht.

Bis jetzt hatten wir grosses Glück, und es ist nur wenig passiert. Unsere Nische ist sehr gross. Darum geraten die Bartgeier selten aneinander.»

Worauf müsst ihr sonst noch achten?

«Erwachsene Bartgeier können lange hungern, aber die Jungen nicht. Sie sind voll im Wachstum, und die Federn müssen wachsen. Darum ist es wichtig, dass sie regelmässig genügend Futter bekommen.

Manchmal ist es auch ein bisschen schwierig, weil die Bartgeier nicht dort landen, wo sie sollten. Darum muss man immer genau überlegen, wohin man das Futter legt, damit sie es auch tatsächlich finden.»

Was können Kinder für den Bartgeier tun, wenn sie in den Alpen unterwegs sind?

«Es hilft allen Alpentieren, wenn ihr den Abfall wieder nach Hause nehmt und euch an die Regeln haltet: Respektiert Wildtierschutzgebiete und verlasst die Wege nicht. Für Absperrungen gibt es immer einen Grund.

Falls ihr einen Bartgeier seht, geniesst es! Teilt euer Erlebnis und eure Begeisterung mit anderen. Das ist beim Bartgeier wichtig, weil die Menschen ihn so lange falsch eingeschätzt haben. Viele denken noch immer, er würde Tiere jagen. An diesem Missverständnis arbeiten wir seit Jahren.»